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Dienstag, 3. August 2010

von Glocken, Elefanten und Milchpöttchen

Check, check. One, two. One two. Ok. Funktioniert. Es ist Dienstag Abend und ich habe heute das erste mal Dickensport gehabt. Im Fachjargon it’s called „Adipositas-Sport“. Ist verpflichtend (logisch). Dem gemeinen nicht adipösen Menschen dürfte es angesichts der Bewegungsunfähigkeit dieser elefantären, hilflosen Gruppe an Vorstellungskraft mangeln. Wenn sich dennoch eine jener nicht betroffen Personen beim ‚Beobachten‘ dieser adipösen Sportspezies wiederfinden sollte und irgendetwas gemeines oder verächtliches denken sollte: möge ihm die gesunde Möhre im Halse stecken bleiben. Unsere (bezeichnenderweise in Fettschrift geschriebene) Sorte Mensch hat auf alle Fälle schwer gelitten, geschnauft und ähem, hust hust, auch gelacht. Wir haben „Ball über die Schnur“ gespielt. Eine Art Volleyball. Ich hab mich beim erlaufen eines Balles auch prompt so dermassen aufs Maul gelegt, dass die „Sportlehrerin“ laut „endlich mal einer der läuft“ jauchzte. Das Laufen muss halt erdst wieder erlernt werden. Davor und danach gabs reichlich Aufwärm- und, Achtung! „Cool Down“ Übungen. Für mich ein neuer Begriff. Krass. Hat aber nicht geholfen. Mir war alles andere als cool.
Was war sonst die vergangenen Tage. Sonntag morgen habe ich die evangelische Kirche (Schlosskirche) im Gottesdienst aufgesucht. Ich habe einen neuen, weniger anstrengenden Weg aufgetan, der mich so nur etwa 15 Minuten lang nach Ankunft ausdünsten liess. Unter lauten Gebommel betrat ich die Kirche durch den Hintereingang und konnte so diesen Raum nochmal in Stille auf mich wirken lassen. Woher kommen eigentlich Glocken? Warum haben eigentlich alle Kirchen (ausser unsere, auf dem Hackenberg) eine Glocke? Soll sie die Gläubigen zum Gottesdienst gemahnen und den im Bett verbliebenden Gemeindegliedern ein schlechtes Gewissen bereiten? Oder sollte sie am Ende nur den Priestern in geraumer Vorzeit vor herannahenden Besuchern warnen, damit er “seinen Dienst am Ministranten“ rechtzeitig beenden konnte? Ich sinniere über die Besucher dieses Gottesdienstes und 2 Damen die mir freundlich zuwinken. Zuwinken? Ach ja, Die 2 kenne ich aus der Klinik. Heute Morgen noch gemeinsam gefrühstückt. Karin aus Stuttgart spricht genau jenes breite, unausstehliche Schwäbisch über das sich ‚Pitschi‘ richtigerweise gegenüber einem Brasilianer mit den Worten „it’s not a Language!“ auslässt. Pitschi ist die Hauptfigur in Tommy Jauds Roman „Resturlaub“ der mir von Nohls und Schladitz vor geraume Zeit als höchst unterhaltsame Hörbuchversion überlassen wurde.
Die Gottesdienstbesucherzahl liegt bei etwa 80 Personen; allerdings altersmässig doch seeehr rechtslastig, was mich zu der Annahme kommen liess, dass die Gemeinde in etwa 25 Jahren ausgestorben sein müsste. Die Abkündigung von gleich 4 Beerdigungen in der zurückliegenden Woche unterstützte meine These. Fortsetzung folgt wohl.
Auf dem Rückweg mache ich einen weiten Schlenker durch und um den Kurpark zurück in die Klinik um gerade eben pünktlich zum Mittagessen zu schnaufen. Beim Anblick des 11. Salattellers binnen 5 Tagen fällt mir „denn krassen Dönnerbude“ ein, an der ich heute morgen auf dem Weg zur Kirche vorbeikam. Der Türke hatte aber aus sonntäglicher Rücksichtnahme erst ab 12 Uhr geöffnet was ihm doppelte Sympathiepunkte bei mir einbringt. „STEFAN“ schreit das Engelchen an meinem rechten Ohr. „Du willst doch wohl jetzt nicht, nein? Ne`? LASS ES!!!“ Engelchen ist nicht nur nervig sondern auch gewissenhaft und hat das Gesicht meines Hausarztes. „Du könntest aber auch mal wieder was vertragen“ sage ich dem Engelchen auf meiner rechten Schulter. „Nun, da hast du Recht“, sagt das kleine Ding. „Wollen Sie Bohnen dazu?“ reisst mich die freundliche Küchenkraft aus meinem Zwiegespräch. „Ja“ , sage ich. „Aber nicht zuviele. Ich muss ja abnehmen“ erwiedere ich mit gequält fröhlichem Gesicht.

Heute Morgen, Dienstag, geh ich bedingt durch einen sehr frühen Wassergymnastiks-Termin eine halbe Stunde eher zum Frühstück als sonst. Da sich noch keiner aus unserer kleinen Gruppe im Speisesaal eingefunden hat, setze ich mich zu einem mir fremden Herrn an den Tisch. „Morgen“ sag ich. „Äh. Mo.., äh, ja. Ach. Ja. Morgen. Äh, aaahhh so ja. Guten Morgen. Morgen. Jaja.“ lautet seine spontan, strukturierte Antwort. Danach hüllt er sich in Schweigen. Nach einigen Minuten frage ich ihn, woher er kommt. „Aus Bayern. Das genügt.“ antwortet er spitz und diesmal sehr bestimmt. Ui, denk ich. Gestapo, Stasi und eine Flut aus Verschwörungstheorien hinterlassen ihre Furche in diesem Land. Ich beschliesse nach nichts weiterem mehr zu fragen und beobachte ihn stattdessen. Unschwer ist zu erkennen, dass er an Zwängen leidet. Eine hier oft behandelte und durchaus unangenehme Krankheit für die Betroffenen. Ich beobachte ihn dabei, wie er ein kleines Milchkännchen auf dem Tisch abzustellen versucht. Er positioniert es auf bestimmt 20 verschiedene Stellen seines Tabletts. „Stellen Sie es einfach neben diese Schale“ versuche ich ihm zu helfen und zeige dabei auf ein etwa 15 mal 8 cm grosses, metallenernes, flaches Gefäss gefüllt mit Pfeffer, Salz, Zucker, Süssstoff und Maggi. "Ääh? Ja, danke,dann da, nein hier, nenene,äh...." - das stellt ihn nun unter ungeahnte Probleme. Die äussere Umfassung des besagten Gefässes beträgt ca. 46 cm, in Millimeter umgerechnet sind es gar 460. Das etwa 2 cm kleine Milchtöpfchen wird nun von ihm auf scheinbar jeden dieser 460 Millimeter probeweise ausgesetzt. Ene ideale Position lässt sich leider Gottes nicht finden. Ich werde mich künftig mit solcherlei Hilfestellungen zurückhalten da ich offensichtlich zuwenig über die Krankheit weiss. Da der freundliche Herr noch einige Zeit mit dem Wünschelkännchen auf der Suche zur optimalen Stelle auf dem Tisch beschäftigt zu sein scheint, trinke ich meinen Kaffe auf Ex leer und bereite mich auf die Wassergymnastik vor.

Auf dem Zimmer angekommen trage ich erstmal die Fakten meiner frühmorgendlichen Untersuchung ein. 189,8 kg. 6 Kilo weniger als bei der Abfahrt. Blutdruck 120 zu 60. Alles im Lot. „Ressspekt“ hat die Dame in der medizinischen Abteilung gesagt und mich darauf hingewiesen, dass es nun allerdings deutlich langsamer weitergeht. Nicht aber ohne meinen Ego eine weiters mal zu streicheln: „das geht zum Chef. Sowas ist sehr selten.“ Stolz erfüllt mein Haupt. Kurz danach nehme ich erstmals an der Adipositas Gruppe teil. Dicke tauschen sich aus und lassen sich von einem schlanken Herrn die Fehler der Fressattacken anhand des SRK-Verfahrens (Stimulanz – Reaktion – Konsequenz) erläutern. Gute Runde. Interessanter Austausch und die Information, dass manch einer hier in 4 oder 5 Wochen gar nichts oder insgesamt nur ein Kilo abgenommen hat. Eine dicke sympathische Türkin erzählt, dass sie in 5 Wochen immerhin 5 Kilo abgenommen hat, obwohl sie 4 oder 5x beim Italiener gewesen ist. Sie habe gelernt regelmässig zu essen. Dies sowie die Unterbindung von Fressattacken zu erlernen ist auch das Ziel der Klinik. Der Therapeut weist ausdrücklich dadrauf hin, dass nur durch dauerhaft regelmässiges Essen ein langfristiger Erfolg zu erzielen sei. „Hurra! Auf zum Italiener. Und zwar regelmässig“ sag ich und 25 Dickerchen lachen frohgemut darüber, dass es auch ein Leben MIT Pasta geben könnte.

Und sonst? Ich habe meine 5. Flasche Cola Light (mit ausdrücklichem OK meines Co-Therapeuten) gekauft, der Body Mass Index ist out – man arbeitet heuer mit dem „Waste Hip Oratio“, und ‚Marius‘ freut sich auf die Ankunft meiner Familie am Samstag, weil wir dann alle nach Heidelberg fahren können und er uns die Stadt zeigen mag. Suuuper. Das geht nun gar nicht. Und? Wie sag ich ihm das denn jetz‘ ohne mich verdächtig zu machen? Darüber hinaus mag ich nicht schuld sein, wenn seine Therapie jetzt nicht klappt. Bitte um Lösungsvorschläge. Noch einen Lösungsvorschlag: Gefühlte 62.483 mal habe ich beim Schreiben am Laptop meinen dicken Daumen auf das „Maus Feld“ direkt unterhalb der Tastatur gehauen und so unbemerkt oft ganze Buchstabenketten 2, 3 Zeilen weiter oben irgendwie ziellos platziert und so bereits viel Zeit mit Korrekturen verbracht. Gibt es eine Funktion dieses Finger-Navigationsfeld abzuschalten??? Während ich das hier schreibe, höre ich eine selbstzusammengestellte Frank Sinatra CD mit Songs der Jahres 1953-1963; Co-Therapeuth Weber, called „Oberfeldwebel Weber“ hat diese Woche Urlaub; das Abendessen ruft und bei der Entspannung habe ich voll verkackt, weil ich zu unruhig war.

Vielen Dank für die zahlreichen, aufmunternden E-Mails und bis in etwa 3 Tagen. GOTT ist gross

1 Kommentar:

  1. Ach Benny, du bist echt der beste. Ist das der Humor eines Verzweifelten, oder bist du echt so tapfer?? Deine Blogs sind phantastisch und wir erwarten immer sehnsüchtig den nächsten.
    Wir sind in Gedanken oft bei dir. Du schaffst das.
    Halte durch!

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